Mutismus

Was ist selektiver Mutismus?

 

Kinder, Jugendliche oder Erwachsene, die von Selektivem Mutismus betroffen sind, sind unfähig mit bestimmten Personen oder in bestimmten sozialen Situationen zu sprechen, obwohl sie normalerweise mit vertrauten Personen in vertrauter Umgebung (z.B. in der Kernfamilie) normal kommunizieren können. 

Im Kindergarten, in der Schule oder mit fremden Personen sprechen mutistische Kinder oft weder zur Begrüßung noch zum Abschied. Auf direkte Aufforderungen reagieren sie oftmals mit Schweigen. Sie wirken manchmal wie versteinert und meiden direkten Blickkontakt.

Die Eltern berichten oft davon, dass ihre Kinder sich zu Hause völlig gegensätzlich und normal verhalten und wie ein Wasserfall reden würden. ErzieherInnen und LehrerInnen sind oftmals ratlos, weil sie zu dem betreffenenden Kind auch nach langer Zeit keinen Kontakt aufbauen können. Das Verhalten mutistischer Kinder wird leider oft als bockig, störrisch und extrem schüchtern fehlgedeutet.

 

Es ist von einer Auftretenshäufigkeit von Mutismus zwischen 0,1% und 0,7% auszugehen.[1]

Auf die Bevölkerungszahlen im Raum Köln (ca. 520.000 Kinder und Jugendliche)[2]  gerechnet, ergibt sich somit, dass hier zwischen 520 bis 3.640 Kinder und Jugendliche an Mutismus leiden.

 

 

Im Folgenden wollen wir Sie näher über das Störungsbild des Selektiven Mutismus informieren sowie unser therapeutisches Konzept erläutern.

 

[1] Vgl. Nitza Katz-Bernstein, Selektiver Mutismus bei Kindern, 2007

[2]www.it.nrw.de

IMF-Leitlinien
für die Mutismustherapie bei
Kindern und Jugendlichen

Unser therapeutisches Konzept für die Mutismustherapie richtet sich nach den IMF-Leitlinien. Diese wurden von einer interdisziplinären Expertengruppe des Internationalen Mutismus Forums (IMF) 2014 formuliert und sollen Betroffenen, Eltern und Angehörigen ermöglichen, Mutismustherapie zu bewerten und kritisch zu hinterfragen.

 

1. Verständnis von selektivem Mutismus
Selektiver Mutismus wird als eine Strategie zur Regulation der zwischenmenschlichen Kommunikation verstanden. Das Schweigen ist Ausdruck eines - subjektiv sinnvollen - Umgangs mit Konflikten, Ängsten oder Belastungen, für die aktuell keine wirksameren Handlungsalternativen zur Verfügung stehen.

 

2. Bedingungshintergründe des Schweigens

Bei der Entstehung und Aufrechterhaltung des Schweigens spielen entwicklungsbedingte, lebensgeschichtliche und/oder systemische Faktoren (z.B. familiäre oder schulische Situation) eine Rolle.

3. Ausgangsposition: Positive Unterstellung
Es wird grundsätzlich davon ausgegangen, dass Kinder und Jugendliche mit selektivem Mutismus – wie alle Menschen – sprechen und mit anderen erfolgreich kommunizieren möchten, da dies ein soziales Grundbedürfnis ist.

 

4. Möglichst frühe therapeutische Maßnahmen

Je länger das Schweigen besteht, desto fester ist es in der Identität des Kindes bzw. des Jugendlichen verankert. Interventionen im Kindergartenalter sind besonders Erfolg versprechend und wirken Langzeitfolgen wie zum Beispiel Depressionen und generalisierten Angststörungen präventiv entgegen.

5. Interaktions- und Kommunikationskompetenz als Basis für das Sprechen
Nonverbale Kommunikationswege bilden die Basis für das Sprechen und sind somit impliziter Bestandteil einer Mutismustherapie. Sie stehen zu Beginn einer Therapie im Fokus, damit die Kinder und Jugendlichen grundlegende kommunikative Prozesse erweitern und festigen. Darauf kann Verbalität aufgebaut werden.

 

6. Druck nehmen und entlasten

In der Anfangsphase der Therapie wird zunächst der Druck zu sprechen genommen. Der jeweilige Ist-Zustand wird akzeptiert. Die Kinder und Jugendlichen werden darin unterstützt, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, um darüber dem späteren Sprechen den Weg zu bahnen.

7. Therapeutische Vorgehensweisen
Bei Vorschulkindern wird das Schweigen nicht zwingend thematisiert und ihnen bewusst gemacht. Vielmehr kommen kleine Kinder oftmals intuitiv im gemeinsamen Spiel über gezielte therapeutische Beziehungs- und Entwicklungsangebote ins Sprechen. Spätestens ab dem Schulalter wird das Schweigen immer mit den Kindern/Jugendlichen thematisiert. Über ein methodenintegrierendes therapeutisches Vorgehen wird mit ihnen ein systematischer Aufbau des Sprechens angestrebt.

8. Mitbestimmung
Wege und Ziele der Therapie werden gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen abgestimmt und ausgehandelt. Der/die TherapeutIn ist ExpertIn für Ideen und Vorschläge auf dem Weg zum Sprechen; das schweigende Kind oder der schweigende Jugendliche ist wiederum Experte für sich und kann nur selbst entscheiden, welche Schritte es/er in welchem Tempo gehen will.

 

9. Identitätsbildung
Selektiver Mutismus beeinflusst auch immer die Identitätsentwicklung Im Rahmen der Therapie soll sich das Kind oder der Jugendliche von seiner vom Schweigen bestimmten Identität hin zu einer kommunikativ kompetenten Person entwickeln. Ziel ist ein selbstbestimmtes und situationsangemessenes Sprechen.

10. Respekt vor dem Entwicklungstempo
Jedes Schweigen hat seine individuelle Entwicklungsgeschichte und jeder Therapieprozess ebenso. Der Weg zum Sprechen braucht Zeit und kann auch von Innehalten und Umwegen bestimmt sein.

11. Interdisziplinäre Zusammenarbeit
Ergänzende (medizinische, psychologische) Fachdiagnosen können notwendig sein, um den selektiven Mutismus von anderen Störungen abzugrenzen oder Komorbiditäten aufzudecken, sowie entsprechende therapeutische Maßnahmen einzuleiten. Eine Beteiligung verschiedener Fachdisziplinen am Therapieprozess erfordert ein aufeinander abgestimmtes Vorgehen.

12. Kooperation mit Eltern
Selektiver Mutismus zeigt sich im Spannungsfeld zwischen dem System der Familie und dem Außenkontext. Die Eltern werden ressourcenorientiert und kooperativ am Therapieprozess beteiligt.

13. Einbezug aller Kontexte und Systeme
Der Einbezug aller Fachpersonen (ErzieherInnen, Lehrkräfte, weitere TherapeutInnen) ist wichtige Grundlage jeder Mutismustherapie. Anfangs wird ein gemeinsames Verständnis des Schweigens hergestellt, um auf dieser Basis die Rollen einzelner Personen im Therapieprozess zu vereinbaren. Eine Vernetzung mit der Schule impliziert das gemeinsame Abwägen eines etwaigen Nachteilsausgleichs.

14. Qualifikation von TherapeutInnen
Fachpersonen unterschiedlicher Disziplinen können für eine spezifische Therapie des selektiven Mutismus zuständig sein (v. a. Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen, SprachtherapeutInnen, LogopädInnen, HeilpädagogInnen). Entscheidend für die Qualität des therapeutischen Angebotes sind eine Spezialisierung auf das Störungsbild sowie eine supervisorische Begleitung der Fachpersonen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Quellen:

 

 

Symptomatik

 

Kardinalsymptome (länger als vier Wochen):

  1. Nicht-Sprechen unter bestimmten Bedingungen (Sprache im engeren Sinne)

  2. Kommunikationsabbruch unter bestimmten Bedingungen (Sprache im weiteren Sinne)

 

Sekundärsymptome & Risikofaktoren:

  • genetische Disposition in der Familie

  • Migration und Mehrsprachigkeit

  • Störungen im Bereich der Sprachentwicklung (Aussprache, Grammatik und  Vokabular)

  • Trennungs- bzw. traumatische Erlebnisse

  • motorische Auffälligkeiten

  • Entwicklungs- und familiendynamisches Ungleichgewicht

  • geringes Selbstvertrauen

Ursachen

Das mutistische Verhalten ist bei 79% der betroffenen Kinder bereits im Vorschulalter, in der Regel mit drei Jahren, erstmals zu beobachten.

Dem Schweigen unter bestimmten Bedingungen liegt dabei meist ein komplexes Bedingungsgefüge zugrunde.

In allen Fällen gilt jedoch, dass die mutistische Person das Nicht-Sprechen als sinnvoll erlebt. Das Schweigen ist also eine zeitweilig sinnvolle Handlungsstrategie, um sich vor Überforderung zu schützen und/oder ein Entwicklungsthema einzulösen

 

Ein traumatisches Erlebnis liegt in seltenen Fällen als Ursache vor. 

 

 

 

 

Wenn das Schweigen länger als vier Wochen anhält, veranlassen Sie eine therapeutische Untersuchung ihres Kindes in unserer Praxis in Bergisch Gladbach. Bitte bringen Sie zum ersten Termin eine Heilmittelverordnung für die Sprachtherapie (Indikationsschlüssel SP1) mit. Selektiver Mutismus fällt laut Heilmittelrichtlinie unter die Sprachentwicklungsverzögerungen. 

 

Gemeinsam mit dem Kind, dem Jugendlichen und den Eltern versuchen wir in der Diagnostik und Therapie das Ursachengefüge und die individuelle Sinnhaftigkeit des Schweigens zu erkennen und Fördermöglichkeiten zu erarbeiten.

In der Differnenzialdiagnostik wird zudem eine nötige Abgrenzung des Mutismus vom Autismus und normaler Schüchternheit vorgenommen.

 

Diagnostik
Wichtigkeit der Früherkennung von Selektivem Mutismus

Eine möglichst frühe Diagnose des selektiven Mutismus und eine entsprechende Intervention schon im Vorschulalter ist unbedingt anzuraten, da die Studien zeigen, dass sich bei Nicht-Eingreifen das Störungsbild manifestieren kann, sich über Jahre hält und sich letzten Endes die gestörten Kommunikationsmuster bis ins Erwachsenenalter hineinziehen.

Mutistischen Kindern fehlen durch ihr Schweigen viele sprachlich-sprecherische, soziale und motorische Erfahrungen. Somit sind ihre Sprachentwicklung, ihre kommunikativ-pragmatischen Fähigkeiten, die kognitive Entwicklung und die (nicht nur sprachliche) Identitätsentwicklung bedroht. Kinder mit selektivem Mutismus sind also in vielerlei Hinsicht von Behinderung bedroht.

 

Ein Fortbestehen des Schweigens über das zehnte Lebensjahr hinaus stellt in ca. 50-70% der Fälle ein hohes Risiko für die Entwicklung weiterer psychischer Störungen, z.B. (Sprech-)Ängste, Depressionen, Essstörungen, Rückzugstendenzen, dar.

 

Die Dauer des mutistischen Verhaltens stellt einen wichtigen Anhaltspunkt für einen Rückgang des Schweigens und weitere Entwicklungschancen dar. Die Chancen auf eine Rückbildung der pathologischen Strukturen ist umso größer, je früher interveniert wird.

 

Dortmunder Mutismus Therapie (DortMuT)

Auf der Basis des integrativen psycho- und sprachtherapeutisch akzentuierten Konzeptes von Nitza Katz-Bernstein wurde die Dortmunder-Mutismus-Therapie (DortMuT) von Katja Subellok, Kerstin Bahrfeck-Wichitill und Anja Starke  im Sprachtherapeutischen Ambulatorium der TU Dortmund weiterentwickelt und im Besonderen um den wichtigen Bereich der Transferarbeit erweitert.

Im Mittelpunkt des DortMuT Therapieansatzes steht die Fokussierung der therapeutischen Beziehung über strukturierte Interaktionsangebote und eine systemische Transferarbeit durch Vernetzung der unterschiedlichen Lebenskontexte des betroffenen Kindes, Jugendlichen oder Erwachsenen. Der sukzessive Aufbau der (non-)verbalen Kommunikation und deren Transfer in den Alltag ist Ziel der Therapie.

 

 

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